Die Perfektionismusfalle am Telefon, im Vertrieb und anderswo

Nur wer nichts macht, macht keine Fehler – die Angst vor Fehlern lauert überall:

Sie stehen auf einem Empfang dumm herum, denn Sie kennen niemanden und der Gastgeber hat es versäumt, Sie vorzustellen? Von sich aus mögen Sie die angeregten Diskussionsrunden nicht stören. Was, wenn Sie etwas Unpassendes sagen?

Eigentlich hätten Sie Lust, sich für die erfolgreichen Anstrengungen der letzten Tage mal mit einem edlen Essen im Sternerestaurant zu belohnen? Aber wie benutzt man die vielen Bestecke und die zahlreichen Gläser richtig? Wie isst man unfallfrei Austern und Hummer? Also trauen Sie sich doch lieber nicht in einen Gourmettempel hinein.

Schade! Ihnen entgehen vermutlich anregende Gespräche und kulinarische Genüsse. Es gibt zahlreiche ähnliche Situationen, sowohl privat wie im Business, in denen Menschen vor lauter Angst, etwas falsch zu machen, lieber gar nichts tun. Perfektionisten stehen sich oft selbst im Weg. Das aufgrund überzogener Ansprüche dauerhaft übertriebene Streben wird zum Problem. So etwas kann im Job narzisstische Züge wie übereifrigen Ehrgeiz annehmen sowie ständiges Wechseln von einer Aufgabe zur nächsten bedeuten. Perfektionisten wollen stets die Besten sein und kommen dadurch nie wirklich an. Der (Leistungs-)Druck und die Angst zu scheitern sind zu groß. Das kann in allen Bereichen enorme Auswirkungen haben, die weit über die eher harmlosen Beispiele oben hinausreichen.

Natürlich ist es erstrebenswert, seine Sache möglichst gut zu machen. Wer allerdings immer perfekt sein will, neigt zur Prokrastination – zu Deutsch: Aufschieberitis. Er oder sie bereitet sich endlos vor und kommt nicht ins Handeln. Denn vor dem Anruf oder dem Meeting kann man ja gar nicht genug über den potenziellen Kunden und seine Bedürfnisse in Erfahrung bringen. Im Power-Point-Vortrag sieht doch jeder Tippfehler extrem peinlich aus. Und bevor ich vor anderen rede, muss ich lange üben, um mich ja nicht zu versprechen. Und was ist erst, wenn ich Rückfragen nicht beantworten kann?

Wer sich weder Fehler noch Loslassen erlaubt, ist zumeist auch streng mit anderen. Mit Mitarbeitern, Geschäftspartnern oder Vorgesetzten. Er tendiert zu Alleingängen, denn auf andere ist ja kein Verlass! Wenn Sie sich einem Perfektionisten gegenübersehen, im Telefonat oder im persönlichen Kontakt, schaffen Sie eine Vertrauensatmosphäre. Seien Sie zuverlässig und geben Sie dem anderen verlässliche Informationen, damit er sich sicher fühlt. Ein Perfektionist kann sich nämlich nur sehr schwer entscheiden. Denn bevor er sich vermeintlich ewig bindet, prüft er stets, ob sich nicht noch was Bess’res findet.

Neigen Sie selbst zum Perfektionismus, überlegen Sie, ob Sie andere damit nicht überfordern und sich selbst blockieren. Gut ist oft besser als perfektionistisch. Gewissenhaft zu sein ist funktional, also gesund, Perfektionismus dysfunktional. Wie oft im Leben gilt: Allzu viel ist ungesund, die Dosis macht das Gift. Denn was nützt der mustergültig eloquente Brief, der nie geschrieben wird, das virtuose, fehlerfreie Telefongespräch, das nie geführt wird, oder die bestens organisierte Veranstaltung, die nie stattfindet? Setzen Sie sich realistische statt allzu hochgesteckte Ziele. Unterscheiden Sie vor allem, wo Perfektion sich lohnt, also wichtig ist – etwa bei allem, was Sie beruflich und privat wirklich voranbringt –, und wo das nicht der Fall ist. Nach dem berühmten 80-20-Prinzip von Alfredo Pareto erreichen Sie meistens mit 20 Prozent Energie bereits 80 Prozent Ergebnis. Die letzten 20 Prozent sind oft überflüssig und bereiten extrem viel unnötige Mühe.

Wer auch mal fünf gerade sein lässt, kann sein Leben in vollen Zügen genießen und erreicht im Job oft mehr als derjenige, der so lange auf die perfekte Gelegenheit wartet, bis sie vorbei ist. Erfolgreiche Telefonate und gute Geschäfte werden zwischen Menschen gemacht, die sich trauen, sich aufeinander einzulassen. Mal ein Fehlerchen zu verzeihen gehört dazu, das Leben geht weiter, selbst wenn ein falsches Besteck verwendet wird. Also, ran an den Hummer!

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@Gajus