Von wegen out: Warum wir heute einen Kommunikations-Knigge brauchen

Haben Sie auch den Eindruck, dass es in Sachen gutes Benehmen in der Öffentlichkeit rapide bergab geht? Anders kann ich mir nicht erklären, was sich inzwischen fast täglich in Cafés ebenso wie Restaurants verschiedenster Preisklassen beobachten lässt: Das Handy liegt griffbereit auf dem Tisch, immer wieder werden soziale Medien oder E-Mails gecheckt – und natürlich alles bei eingeschaltetem Ton, damit die anderen Gäste auf jeden Fall mitbekommen, wie unglaublich beliebt und gefragt die Person ist. Die Zeiten, in denen das Mobiltelefon in solchen Situationen stummgeschaltet in der Hand- oder Jackentasche verschwand, sind anscheinend lange vorbei. Das gleiche gilt auch für die Nutzung anderer technischer Geräte. Ich weiß nicht, wie Sie es handhaben – aber beim Essen hat der Job auch mal Sendepause. Daher ist für mich völlig unverständlich, was ich vor kurzem in einem Restaurant beobachten konnte: Ein Mann saß mit aufgeklapptem Laptop an seinem Tisch und arbeitete offensichtlich. Doch als seine Bestellung kam, klappte er nicht etwa den Rechner zu – sondern tippte mit einer Hand und am Bildschirm klebenden Augen weiter, während er mit einer Gabel in der freien Hand das Essen in den Mund schaufelte. Klar kann man das Zuhause oder vielleicht auch im Büro mal machen, wenn es wirklich brennt. Aber doch nicht in der Öffentlichkeit! Zumal ein Restaurant auch ganz klar kein Coworking Space ist. Gesagt hat allerdings keiner der anwesenden Gäste etwas. Ich frage mich: Was sagt das über unsere Gesellschaft aus?

Klare Regeln für das soziale Miteinander

Sicher sagt Ihnen der Begriff „Knigge“ etwas, oder? Ich bin überzeugt davon, dass der gute Adolf Freiherr von Knigge sich im Grab rumdrehen würde, wenn er Zeuge der gerade beschriebenen Situation geworden wäre. „Knigge ist altmodisch und nicht mehr zeitgemäß!“ heißt es oft – das würde ich so nicht unterschreiben. Tugenden und Werte haben nicht nur in Telefonaten Daseinsberechtigung, sondern genauso im täglichen Miteinander. Dabei geht es um weit mehr als „nur“ Benimmregeln bei Tisch und Vorgaben, welche Kleidung welchem Anlass angemessen ist. Knigges bekanntes Buch „Über den Umgang mit Menschen“ ist vielmehr ein leidenschaftliches Plädoyer für den respektvollen Umgang von Menschen untereinander. Denn die verschiedenen Regeln haben alle eine Gemeinsamkeit: Sie zielen auf Respekt, Wertschätzung, Taktgefühl und Höflichkeit ab. Und diese Werte sind sicherlich nicht antiquiert, sondern heute genauso gültig und wichtig für ein funktionierendes soziales Miteinander. Und ich bin der Ansicht, dass gerade in der heutigen Zeit ein bisschen mehr Knigge nicht schaden könnte – sowohl mit Blick auf die Entgleisungen in den sozialen Medien, in Chats als auch im Umgang mit Kommunikation im öffentlichen Raum.

Natürlich haben sich die Zeiten geändert. Die Gesellschaft, in der wir heute leben, strebt vor allen Dingen nach Selbstverwirklichung. Jeder ist sich selbst der Nächste und stellt die eigenen Bedürfnisse an erste Stelle. Narzisstisches Verhalten zeigt sich in vielen Beispielen im allgemeinen Umgang miteinander in der Öffentlichkeit: Immer seltener wird die Tür für den Nachfolgenden aufgehalten, Fußgänger oder Radler entschuldigen sich vereinzelter wenn sie unachtsam jemanden anrempeln. In der U-Bahn starren die meisten auf ihr Smartphone und schotten sich mit Kopfhörern ab, um ja nicht in Verlegenheit zu kommen, den bequemen Sitzplatz für eine ältere Dame aufgeben zu müssen. Oder einer Mutter beim Einstieg in die Bahn mit dem Kinderwagen zu helfen. Auch der Umgangston ist rauer geworden, während auch die Kommunikation immer „Ich-zentrierter“ wird. Telefonate sind bei den Jugendlichen out. Nicht nur Eloquenz und Schlagfertigkeit haben abgenommen – kein Wunder, dass sich manch Arbeitgeber schwer tut mit jungen Mitarbeitern, die längst nicht immer über die Fähigkeit schriftlicher und mündlicher Kommunikation verfügen. Die sprachliche Intelligenz leidet zwangsweise, wenn junge Menschen nur noch Sprachnachrichten oder Nachrichten mit Abkürzungen, ohne Groß- und Kleinschreibung, dafür mit vielen Emojis hin- und herschicken. Da ist der Dialog tot. Es lebe der digitale Monolog, seriell hintereinandergeschaltet mit vorprogrammierten Missverständnissen, die in echter Kommunikation hätten vermieden werden können.

Kommunikation in der Öffentlichkeit: Cooler Anstand vs. nerviges Verhalten

Ich habe den Eindruck, dass manch soziale Kompetenz im Zuge der Digitalisierung verloren geht. Umso wichtiger ist, dass wir uns selbst neue Regeln geben – und auch unser eigenes Handeln reflektieren. Für mich steht fest: Das Smartphone hat auf dem Tisch nichts zu suchen. Egal, ob Sie mit einer Freundin Kaffee trinken gehen, in der Pizzeria oder einem Sternelokal essen gehen. Der persönliche Kontakt mit dem Gegenüber hat hier Vorrang. Sicherlich fänden Sie es doch auch unhöflich, wenn Ihr Gesprächspartner dauernd auf sein Handy schaut oder Nachrichten tippt, während Sie von Ihrem Urlaub erzählen, oder? Und bitte packen Sie das Telefon nicht nur weg, sondern schalten Sie auch den Ton ab. Es ist einfach lästig und störend, wenn immer wieder Vogelgezwitscher, Hupen oder sonstige Geräusche Ihr Gespräch und das der anderen Anwesenden „untermalen“.

Sie warten jedoch auf einen wichtigen Anruf oder müssen unbedingt für die Eltern oder den Babysitter erreichbar sein? Auch das ist kein Drama – vorausgesetzt, Sie kündigen es Ihrem Gegenüber an. Selbst in diesem Fall muss der Klingelton aber nicht auf voller Lautstärke eingestellt sein, der Vibrationsmodus reicht erfahrungsgemäß aus. Trifft der Anruf ein, verlassen Sie mit dem Handy den Tisch und ziehen sich in eine ruhige Ecke zurück. Nicht nur, damit Sie die anderen Anwesenden nicht stören, sondern auch, um die Privatsphäre des Anrufers zu wahren. Bestimmt ist Ihnen schon oft genug aufgefallen, wie viel man mehr oder minder unfreiwillig von privaten Telefonaten im öffentlichen Raum mithört … Mit Schuld daran ist auch der Lautstärkepegel: Manche Menschen könnten eigentlich getrost auf ihr Mobiltelefon verzichten, weil sie derart in den Hörer „schreien“, dass der Gesprächspartner ihn sicher auch am anderen Ende der Stadt noch gut verstehen könnte. Das gilt übrigens nicht nur für Telefonate: Ist Ihnen aufgefallen, was für ein unglaubliches Stimmengewirr manchmal in Cafés, Kneipen oder Restaurants herrscht? Zurückhaltung scheint ebenfalls out zu sein, Lautstärke ist Trumpf. Sicher können Sie auch eine Menge Anekdoten erzählen, was für unglaubliche Beziehungsstories Sie schon unfreiwillig als „Ohrenzeuge“ mitbekommen haben.

Apropos Diskretion: Auch bei der Nutzung von Tablets, Notebooks und Co. lohnt es sich, nicht ganz so unbedarft zu sein. Gerade im Zug oder im Wartezimmer muss man sich nicht mal den Hals verrenken, um mitzulesen, was der Nachbar so tippt. Denken Sie also an den Schutz von Daten und Privatsphäre – Ihrer eigenen und der Ihrer Korrespondenzpartner. Und warten Sie im Zweifelsfalle lieber, bis Sie ihm Büro oder Zuhause sind.

Und um nochmal auf den „klassischen“ Knigge zurückzukommen: Hier scheint sich durchaus eine Kehrtwende abzuzeichnen. In den Großstädten erfreuen sich inzwischen Knigge-Kurse für Kinder wachsender Beliebtheit und die Kleinen freuen sich, anschließend beim Geburtstagsessen der Großmutter glänzen zu können. Und auch im Business greifen immer mehr Unternehmen ein, um das nachzuholen, was die Kinderstube bei ihren Mitarbeitern anscheinend versäumt hat: So war etwa einer meiner Kunden dringend auf der Suche nach einem Stil- und Etiketteseminar für sein Team, weil die meisten tatsächlich nicht in der Lage waren, mit wichtigen Kunden ein mehrgängiges Menü in einem Sternerestaurant ohne Blamage durchzustehen. Sie sehen also: Gutes Benehmen hat nichts mit „Dünkel“ oder „verstaubten Ritualen“ zu tun, sondern ist vielmehr ein entscheidender beruflicher Erfolgsfaktor.

Es geht auch mal ohne …

Die gute Nachricht: Es ist auch heute noch möglich, ein gemeinsames Essen ganz ohne technische Unterhaltung und möglicherweise Ablenkung zu genießen. Beim gleichen Restaurantbesuch wie dem eingangs beschriebenen konnte ich nämlich auch eine Familie mit zwei kleinen Söhnen beobachten, die friedlich und ruhig gemeinsam an einem Vierertisch im Restaurant saßen. Beide Kinder waren achtsam, ruhig, höflich und wirken zufrieden ohne Gameboy oder Smartphone in der Hand – genauso wie ihre Eltern. Da habe ich, auf dem Weg zur Toilette, die Mutter angesprochen und gelobt, wie gut erzogen die Kinder sind und wie selten das heute leider oft ist. Sie hat sich sehr gefreut und wurde sogar ein bisschen rot. Es gibt zum Glück noch Vorbilder, die mit positivem Beispiel vorweg gehen. ;-)

Fazit: Knigge bleibt in Mode

Wenn diese Entwicklungen eins zeigen, dann das: Gute Umgangsformen sind zeitlos. Gute Tischmanieren, gepflegte, höfliche und unaufdringliche Konversation, gegenseitiger Respekt und Rücksichtnahme sind der Schlüssel zum Erfolg. Sowohl im Beruf, um die Karriereleiter zu erklimmen als auch im zwischenmenschlichen Bereich, beim Aufbau und der Pflege von Freundschaften und Beziehungen.

Foto: Fotolia #193093522 – Businesswoman enjoying pasta meal sitting with laptop at the white cafe interior – © rh2010