„Schalt doch mal ab!“ – Smartphones und ständige Erreichbarkeit als Gesundheitsrisiko

Der 9. Januar 2007 war nicht nur der Tag, an dem Steve Jobs das erste iPhone vorstellte – sondern gleichzeitig auch der Geburtstag des Smartphones, wie wir es heute kennen. Jobs kündigte damals an, drei revolutionäre Produkte vorzustellen: „Das erste ist ein iPod mit großem, berührungsempfindlichem Bildschirm. Das zweite ist ein revolutionäres Mobiltelefon. Und das dritte ist ein bahnbrechendes Internetkommunikationsgerät.“[1] Das wirklich besondere: Es handelte sich um ein einziges Gerät – das iPhone. Was diese Innovation lostrat, ist längst Geschichte: Der Siegeszug der Smartphones scheint ungebrochen, die Zahl der Nutzer steigt weiter unaufhaltsam. Statista belegt, dass sich der weltweite Smartphone-Absatz pro Jahr auf 1,4 Milliarden Geräte beläuft – Tendenz steigend.[2]

Einmal ist keinmal?

Kein Wunder, schließlich bietet uns das Gerät nahezu unbegrenzte Möglichkeiten: Wir können unterwegs nicht nur telefonieren, sondern auch unsere Mails checken, schnell ein Kochrezept googeln, fotografieren und checken, was es in den sozialen Netzwerken Neues gibt. Der Haken an der Sache: Immer mehr Menschen können ihren besten technischen Freund selbst dann nicht mehr aus der Hand legen, wenn es wirklich ratsam wäre. Wie sieht es mit Ihnen aus? Haben Sie nicht auch schon mal an der roten Ampel einen Blick riskiert, um die neuste Nachricht zu lesen? Oder im langsamen Stadtverkehr „nur mal schnell“ den Partner angerufen, dass es etwas später wird? Umfragen bestätigen, dass trotz Verbot und entsprechender Sanktionen über 70 Prozent der Befragten das Smartphone während der Fahrt benutzen. Wahrscheinlich, weil sich die meisten denken: „Ich passe schon auf, nur ganz kurz. Da passiert doch nichts.“ Rein statistisch gesehen passiert aber doch einiges: So geht Dr. Michael Haberland, Präsident des Automobilclubs Mobil in Deutschland e.V., von ca. 500 Toten und 25.000 Verletzten bei Autounfällen in Deutschland aus – zurückführbar auf Ablenkungen am Steuer.[3] Im Rahmen des 402. Schwerpunkttags zum Thema „Ablenkung im Straßenverkehr“ gab das Polizeipräsidium München am 21. März 2019 bekannt, dass inzwischen bei mehr als der Hälfte aller Verkehrsunfälle Ablenkung im Straßenverkehr eine Rolle spiele. Mittlerweile würden durch Handy und Co. mehr Verkehrsunfälle verursacht werden als durch den bisherigen Spitzenreiter Alkohol am Steuer.[4]

Fußgänger, die auf Smartphones starren

Und nicht nur hinter dem Steuer birgt die Handynutzung Gefahren: Ärzte berichten immer häufiger von Patienten, die in der Notaufnahme landen – weil sie einen Laternenmast übersehen haben, eine Treppe hinuntergefallen oder schlimmstenfalls ohne aufzuschauen auf die Straße gelaufen sind.[5] Auch die Zahl der Radfahrer, die in Straßenbahnschienen geraten oder Hindernisse wegen der Smartphone-Nutzung übersehen, steigt rapide. Werden Smartphones bald nur noch mit Warnhinweisen und schockierenden Fotos verkauft, so wie Zigarettenpackungen? Im Ausland gibt es bereits einige Versuche, die „Smombies“ auf ihr gefährliches Verhalten aufmerksam zu machen – oder zumindest für ihre Sicherheit zu sorgen. So gibt es etwa in Südkorea auf den Boden gemalte Straßenschilder, die im öffentlichen Raum dazu mahnen, den Blick zu haben – und in Tel Aviv[6] werden aktuell Ampeln am Boden getestet, um weitere Fußgängerunfälle zu verhindern.

Übermäßige Smartphone-Nutzung und die körperlichen Folgen

Schnell noch eine Sprachnachricht schicken, die neu eingetroffene E-Mail beantworten – und was gibt es Neues bei LinkedIn? Und ehe man sich versieht, ist eine halbe Stunde vergangen. Erkennen Sie sich wieder? Mal abgesehen davon, dass wir uns so selbst von der Arbeit abhalten und uns die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt, tun wir auch unserem Körper nichts Gutes. Bestimmt haben Sie auch schon mal abends Kopfschmerzen oder müde Augen, wenn Sie den ganzen Tag auf den PC-Bildschirm gestarrt haben. Doch anstatt uns dann eine Pause zu gönnen und das Auge – im wahrsten Sinne des Wortes – etwa bei einem Spaziergang wandern zu lassen, verbringen wir den Feierabend vor dem TV und mit dem Smartphone in der Hand. Fatal ist die immer weiter steigende Smartphone-Nutzung vor allem bei Kindern: Prof. Dr. Oliver Ehrt, Oberarzt an der Augenklinik des Klinikums der Universität München, bestätigt, dass der Augapfel bei Kindern durch das „Starren“ aus kurzen Abständen zu schnell wächst.[7] Gebremst werden kann diese Entwicklung durch mindestens eine Stunde täglich im Freien bei hellem Tageslicht. Früher keine große Sache, doch immer mehr Kinder spielen heute kaum noch draußen, da die digitalen Ablenkungen durch Handy, PC und Fernseher einfach zu verlockend sind …

Haben Sie öfter Probleme, am Abend einzuschlafen? Auch hier kann unter Umständen Ihr Smartphone der Übertäter sein, denn der hohe Blaulichtanteil des Displays bremst die Ausschüttung von Melatonin im Gehirn. Einige Hersteller haben bereits darauf reagiert und bieten eine „augenfreundlichere“ Einstellung ein, die die Displaybeleuchtung automatisch von z.B. 22 bis 7 Uhr in einen wärmeren Ton abändert. Noch besser wäre es jedoch aus meiner Sicht, das Smartphone konsequent aus der Hand zu legen und die Zeit vor dem Schlafengehen analog zu verbringen, um in Ruhe „runterzukommen“ vom hektischen Tag. J

Headsets gegen „Handynacken“

„Kleinen Moment, das schreibe ich mir direkt auf!“ Und schon wird das Handy – oder der Telefonhörer – zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt. Wer das regelmäßig und über längere Zeit macht, kommt früher oder später in den zweifelhaften „Genuss“ eines „Handy-Nackens“. Dabei ist das überhaupt nicht nötig – es gibt inzwischen so viele tolle Headsets, die uns die Möglichkeit geben, effizienter und bequemer zu telefonieren! So können Sie entspannt telefonieren und gleichzeitig den PC bedienen oder sich Notizen machen. Weitere positive Nebeneffekte: Mit einem schnurlosen Headset können Sie sich im Raum bewegen, den Anruf annehmen, auch wenn Sie gerade nicht am Platz sind – und Sie stören Ihre Kollegen und Mitmenschen weniger, weil der Klingelton direkt in Ihr Ohr übertragen wird. Ich benutze Headsets außerdem gerne, weil sie ein ungestörteres Arbeiten ermöglichen: Ein Duo-Headset schirmt Sie gegen Außengeräusche ab und Sie können Ihren Gesprächspartner besser hören. Wenn Sie einen eher ruhigen Arbeitsplatz haben, können Sie natürlich auch zu einem Mono-Modell greifen, dass ein Ohr frei lässt. Positiv hier: Kollegen können Sie bei Bedarf ansprechen, ohne dass Sie das Headset absetzen brauchen.

Und falls Sie weniger zu den Telefonierern, sondern mehr zu den Vieltextern gehören: Übertreiben Sie es nicht mit den Textnachrichten! Der sogenannte „Handy-Daumen“ ist auf dem Vormarsch, dabei handelt es sich um eine schmerzhafte Entzündung der Daumenstrecksehne. Ein kleiner Tipp für Sie: WhatsApp bietet längst die Möglichkeit an, das Programm mit Hilfe eines Codes auch auf dem PC laufen zu lassen. Gerade bei längeren Nachrichten finde ich das enorm komfortabel. Grundsätzlich ist es jedoch sinnvoll, regelmäßig Pausen beim Tippen zu machen, die Muskulatur zu dehnen und die Finger immer mal wieder zu entspannen – das gilt nicht nur für Smartphone-Jünger, sondern natürlich auch für ausgiebiges Arbeiten an der PC-Tastatur. Wie wäre z.B. mit einem Anti-Stress-Ball, den Sie auf Ihrem Schreibtisch platzieren und immer mal wieder „bearbeiten“ zwischendurch?

Smartphone-Nutzung: Nehmen Sie Rücksicht auf andere – und Ihren Körper!

Das Smartphone hat unser berufliches wie privates Leben ganz schön auf den Kopf gestellt. Ich möchte die vielen Möglichkeiten definitiv nicht missen, allerdings halte ich es für wichtig, auch mal abzuschalten. Ständige Erreichbarkeit klingt erst mal nach der großen Freiheit, ist jedoch auch mit emotionalem Stress verbunden, der auf Dauer krankmacht. Sorgen Sie für eine klare Trennung zwischen Arbeit und Feierabend, Ihr Körper wird es Ihnen danken! Und dass das Gerät im Straßenverkehr, sei es als Autofahrer oder Fußgänger, nichts verloren hat, sollte eigentlich selbsterklärend sein. J

Und noch ein letzter Hinweis in Punkto Handynutzung: Nehmen Sie bitte Rücksicht – vor allem auf Ihre Kollegen, wenn Sie Ihr Smartphone im Großraumbüro nutzen. Die Zeiten, in denen ein Handy ein Statussymbol im Business war, sind glücklicherweise vorbei. Nerven Sie Ihre Kollegen daher nicht mit laut durch den Raum schallenden Klingel- und Benachrichtigungstönen, sondern schalten Sie die visuelle Benachrichtigung oder den Vibrationsalarm ein. Und bei einem längeren Telefonat bietet es sich durchaus an, auch mal den Raum zu verlassen – vielleicht gibt es in Ihrem Unternehmen Telefoninseln oder speziell für Telefongespräche vorgesehene Räume oder Sitzecken? Das gilt natürlich auch für den Umgang mit anderen Störgeräuschen, die vom PC ausgehen: ständige Messenger-Nachrichten, Aktualisierungen der E-Mails und Social Media-Meldungen, die mit einem nervigen „Ping!“ auf sich aufmerksam machen. Auch das lässt sich abschalten. Nehmen Sie Rücksicht – Ihre Kollegen werden es Ihnen danken!

Fotolia # 228971108 – Portrait of young inattentive girl, distracted by mobile phone. – © Valerii Honcharuk

[1] Zeit.de

[2] Statista.com

[3] Focus.de

[4] Polizei Bayern

[5] KLINIKUM aktuell, Ausgabe 01/2019 „Gesundheitsrisiko Smartphone“, S.8

[6] Westfälische Rundschau

[7] KLINIKUM aktuell, Ausgabe 01/2019 „Gesundheitsrisiko Smartphone“, S.9